2. Etappe – eine Analyse

Der Start

Eines hatten wir bereits vor dem Start als Grundsatz festgelegt: Bei 2.700 sm vor dem Bug werden wir es am Start nicht übertreiben. Die Windbedingungen vor Quinta do Lorde waren – wie bereits in den Tagen davor – rau und böig.
Der Start der Solos vermittelte uns dann schon einen Eindruck, mit welchem Elan hier einige bei der Sache waren. Die Spis gingen bereits auf oder kurz hinter der Startlinie hoch. Von der ersten Seemeile an wurden 100% gegeben (von der Crew) bzw. gefordert (von den Booten).
Und natürlich gab es auch noch in Sichtweite vom wartenden Duo-Feld die ersten Sonnenschüsse mit ganz ansehnlichen Konsequenzen. Die ersten Solisten mussten ihre Spinnaker vom Vorstag wickeln. Anstrengend, zeitraubend … sicher auch etwas an der Moral zehrend.

Wir ließen es wie verabredet etwas ruhiger angehen. Mit Groß und Fock suchten wir uns eine schöne Stelle an der Linie und los ging es. Wenig später ging unser Spi lourd hoch. Bis dahin alles gut, dachten wir jedenfalls …

Das Spifall war einmal ums Vorstag gewickelt, so dass das Spinnakerfall nicht sauber durch die Fallöse lief, sondern mit aller Kraft am Vorstag zerrte! Der S4 wird fractional gefahren, das heißt nicht am Masttopp, sondern kurz über dem I-Point – dem oberen Anschlagpunkt des Vorstags am Mast.
Von Deck aus muss man schon genau hinschauen, ob das Fall frei läuft, aber bei Tageslicht ist das zugegebenermaßen gut zu machen.
Vielleicht war es die Aufregung, vielleicht pure Nachlässigkeit. Jedenfalls versäumten wir es, zu diesem frühen Zeitpunkt den Fehler auszubügeln, der uns später am Tag dann so viel Ärger, und wie sich auf Martinique beim Check des Riggs herausstellte, auch einen Schaden am Mast einbrachte.

Zum Warmwerden hätten wir uns sicher etwas kontrolliertere Bedingungen gewünscht. Fünf Windstärken hätten es auch getan, aber schließlich kann man sich das beim Segeln nicht aussuchen. Unterm Strich waren wir ganz zufrieden mit uns und der Frida. Um uns herum gab es hier und da so einige ‘sehenswerte’ Aktionen, von denen wir aber weitestgehend verschont blieben.

Die Halse Richtung Westen war durch den Entschluss, das Spifall noch bei Tageslicht zu klarieren, getrieben. Schaut man sich im Tracker die ersten 100 sm an, erkennt man, dass es ganz unterschiedliche Taktiken gab. Eine Gruppe segelte nach Rundung der Airport-Boje konsequent auf Steuerbordbug nach Südsüdwesten, andere suchten anscheinend den Rand des Windschattens und segelten einen etwas westlicheren Kurs. Wir waren irgendwo dazwischen … zusammen mit Bouznik’ (JPK10.80), Give Me Five 40 (SunFast3600) und Ifi Amenagement (SunFast3200).

Das Aufklarieren nach unserem missglückten Spinnakermanöver und der Versuch, mit dem A5 einen tiefen Kurs zu segeln, kostete uns etliche Meilen gegenüber den anderen Booten, die mit Spi etwa 160-165 Grad TWA segeln konnten.

Eines darf man aber nicht vergessen: Auch andere Crews hatten sicher ihre Schwierigkeiten und fuckups. Beispielhaft sei hier auf den Bericht vom 11.02.2018 von Jean-Pierre Kelbert (JPK10.80 Léon) verwiesen. Trotzdem konnten wir mit dem vom Start weg hohen Speed der meisten anderen ’35-Füßern’ nicht mithalten. Wir mussten erst unseren Race Mode finden.

11. Februar, 13 Uhr UTC1

Name DTF DTL CMG 24h
Agence Directe 2.505,10 39,6 143,20
Bouznik’ 2.471,90 0,9 176,40
LS Resa no data no data no data
Shaitan 2.510,60 39,6 137,70
Frida 2.493,00 22 155,30

Die ersten Tage

In den ersten drei Tagen auf See mussten wir unseren Modus finden, alle anderen sicher auch. Insbesondere die starke Brise – eigentlich spielte sich alles bei 6 oder mehr Windstärken ab – forderte uns. Ein Verschnaufen gab es nicht. Der Kurs war für uns klar: Sobald der Einflussbereich Madeiras verlassen war, direkt auf Martinique zu. Durch die frühe Halse Richtung Westen waren wir von Anfang an nördlicher orientiert als der Rest des Feldes und damit näher an dem von Norden heranrückenden Hochdruckgebiet.

Einen Großteil unseres Rückstands auf die anderen JPK10.80 in der Spitzengruppe haben wir hier – in diesen ersten drei, vier Tagen – eingefahren. Es fehlte schlichtweg der Speed, um mithalten zu können, denn einen wesentlich kürzeren Kurs hätten wir nicht fahren können 😉

Die nachfolgend aufgeführten Tagesetmale machen das mehr als deutlich: Während vorn Etmale von deutlich mehr über 200 sm gefahren wurden, schafften wir diese Marke nicht. Es fehlten uns ca. 0,5-0,8 kn in der Durchschnittsgeschwindigkeit. Hier ist für uns noch einiges zu tun!

12. Februar, 13 Uhr UTC

Name DTF DTL CMG 24h
Agence Directe 2.286,40 32,1 218,70
Bouznik’ 2.256,70 2,5 215,20
LS Resa 2.276,90 22,7 no data
Shaitan 2.311,80 52,5 198,80
Frida 2.295,50 41,3 197,50

13. Februar, 13 Uhr UTC

Name DTF DTL CMG 24h
Agence Directe 2.065,60 17,8 220,80
Bouznik’ 2.047,80 0 208,90
LS Resa 2.080,20 32,4 196,70
Shaitan 2.112,90 65,1 198,90
Frida 2.108,00 60,2 187,50

Auf der Flucht nach Süden

Der weiter rechtsdrehende Wind und die Flucht vor dem Hoch im Norden führten dazu, dass wir uns nach drei Tagen deutlich weiter nach Süden orientieren mussten. Davon war aber unterm Strich das gesamte Feld betroffen. Bei teilweise leichtem Wind um 10-15 kn war es schwer, die Frida bei Laune – sprich auf Geschwindigkeit – zu halten, da die Wellen aus verschiedenen Richtungen die Frida ordentlich durchschaukelten. Zwangsweise mussten wir etwas höher segeln, um wenigstens etwas Druck im Spi zu haben und die Schiffsbewegungen zu dämpfen. Unter solchen Bedingungen den schnellsten Kurs nach Lee zu finden, war nicht einfach. Wir haben das Beste draus gemacht, aber hier ist ehrlicherweise auch noch richtig Potenzial nach oben.

Ein Lichtblick ist aber erkennbar, wir haben täglich nicht mehr so viele Meilen auf die Spitzengruppe verloren: zwischen dem 14. und 17. Februar “lediglich” 16 sm (auf die Agence Directe).

14. Februar, 13 Uhr UTC

Name DTF DTL CMG 24h
Agence Directe 1.880,90 7,8 184,70
Bouznik’ 1.873,10 0 174,70
LS Resa 1.910,40 37,3 169,80
Shaitan 1.955,70 82,6 157,20
Frida 1.948,10 75 159,90

15. Februar, 13 Uhr UTC

Name DTF DTL CMG 24h
Agence Directe 1.724,00 1,4 156,90
Bouznik’ 1.722,70 0 150,40
LS Resa 1.731,80 9,1 178,60
Shaitan 1.781,60 58,9 174,10
Frida 1.784,00 61,3 164,10

16. Februar, 13 Uhr UTC

Name DTF DTL CMG 24h
Agence Directe 1.558,60 9,3 165,40
Bouznik’ 1.549,30 0 173,40
LS Resa 1.559,80 10,5 172,00
Shaitan 1.626,50 77,2 155,10
Frida 1.632,20 82,9 151,80

17. Februar, 13 Uhr UTC

Name DTF DTL CMG 24h
Agence Directe 1.383,40 5.2 175,20
Bouznik’ 1.378,20 0 171,10
LS Resa 1.380,70 2,5 179,10
Shaitan 1.464,20 86 162,30
Frida 1.466,50 88,3 165,70

Bergfest

In der Mitte des Atlantiks wurden wir mit besten Passatbedingungen verwöhnt. Die haben wir tagsüber auch genossen. Nachts hingegen war ‘das Spiel’ mit den Squalls eine neue Erfahrung und Herausforderung für uns. Wir brauchten doch einige Durchläufe,  bis die grauen Monster ihren Schrecken verloren hatten.

Nochmal zur Verdeutlichung:
Zieht der Squall südlich unseres Kurses durch, dreht der Wind nach rechts und drückt uns nach Norden.

Sind wir hingegen südlich des Squalls positioniert, drückt uns der linksdrehende Wind nach Süden.

In LeMarin habe ich mit Fabrice Sorin von der JPK10.10 Ogic (der Overall-Gewinnerin bei den Duos der Division Atlantique) gesprochen: Die haben nach seiner Aussage konsequent jeden Squall als Chance genutzt und haben entsprechend mitgehalst. Gerade nachts ist das schon eine Leistung, auch nach dem x-ten Mal fehlerfrei durch die Manöver zu kommen … trotz Müdigkeit und schlechter Sicht!

Einen taktischen Fehler könnten wir uns vorwerfen lassen: Als die Shaitan am 18. Februar weiter Richtung Südwesten segelte, während wir nach Westen abbogen, hätten wir spätestens beim nächsten Positionsreport auch nochmal Richtung Süden halsen sollen. Im Nachhinein wäre etwas mehr Tuchfühlung mit Shaitan hilfreich gewesen.
Bis zum Totalschaden des S4 in den Nachtstunden vom 20. zum 21. Februar blieb der Abstand zwischen der Shaitan und uns mehr oder weniger konstant bei 4-6 sm. In dieser Nacht verloren wir dann mit einem Schlag 8-9 sm.

18. Februar, 13 Uhr UTC

Name DTF DTL CMG 24h
Agence Directe 1.200,90 11,5 182,50
Bouznik’ 1.206,30 16,9 171,90
LS Resa 1.197,40 8 183,30
Shaitan 1.287,00 97,6 177,20
Frida 1.284,50 95,1 182,00

19. Februar, 13 Uhr UTC

Name DTF DTL CMG 24h
Agence Directe 979,2 0 221,70
Bouznik’ 1.006,00 26,9 200,30
LS Resa 1.004,80 25,7 192,60
Shaitan 1.084,10 105 202,90
Frida 1.085,10 106 199,40

20. Februar, 13 Uhr UTC

Name DTF DTL CMG 24h
Agence Directe 790,7 24,3 188,50
Bouznik’ 798,2 31,8 207,80
LS Resa 804,3 37,9 200,50
Shaitan 882,2 115,8 201,90
Frida 887,7 121,3 197,40

Raue Bedingungen

Der Durchzug eines Tiefdruckausläufers in der Nacht vom 21. zum 22. Februar hat uns überrascht! Und der Grund ist so einfach wie peinlich: Wir waren nicht im Bilde, wie die Großwetterlage über dem Nordatlantik aussieht!
Die GRIB-Files haben wir lediglich von der Schiffsposition (als nordöstlichste Position) und Martinique (als südwestlichste Position) bezogen, um Datenvolumen zu sparen. Ein großräumigeres GRIB – welches auch das Seegebiet nördlich von uns zeigt – hätte uns sicher alarmiert. Oder eben noch einfacher: ein Synoptic-Chart mit den Druckverhältnissen.

Abends waren wir noch der Meinung, dass wir es wieder mit Squalls zu tun haben. Als die typischen Winddreher aber ausblieben und der Wind eben nicht mehr abnahm, sondern stattdessen dauerhaft starker Regen einsetzte, war klar, dass es heute Nacht anders ist als sonst … und so war es dann auch 😉

Erstaunlicherweise konnten wir trotzdem einige Meilen auf die Shaitan gutmachen, obwohl das in dieser Nacht nicht im Vordergrund stand. Wir waren froh, dass Schiff und Crew heil blieben.

21. Februar, 13 Uhr UTC

Name DTF DTL CMG 24h
Agence Directe 569,7 37 221,00
Bouznik’ 580,4 47,7 217,80
LS Resa 597,4 64,7 206,90
Shaitan 669,3 136,6 212,90
Frida 686,5 153,8 201,20

Die letzten 500 Seemeilen

Im Laufe des 22. und 23. Februars segeln wir unser bestes 24h-Etmal … wohlgemerkt größtenteils unter Groß und ausgebaumter Fock! Da segelt man tagelang Spinnaker, macht die auch noch kaputt und dann sowas 😉

Aber letztendlich beweist es nur wieder, dass es nicht die kurzzeitigen Spitzen sind, die einem zu guten Etmalen verhelfen, sondern möglichst wenig Senken in der Durchschnittsgeschwindigkeit. Der Speed hat gestimmt, der Kurs auch … letztlich war es ein Dragrace aufs Ziel zu. Einzig den S4 haben wir schmerzlich vermisst … der hätte unser Glück vollkommen gemacht (und uns vermutlich den Verlust des A5 erspart).

22. Februar, 13 Uhr UTC

Name DTF DTL CMG 24h
Agence Directe 338,5 49,2 231,20
Bouznik’ 388,5 99,3 191,90
LS Resa 377,1 88 220,30
Shaitan 463,6 174,4 205,70
Frida 473,6 184,4 212,90

23. Februar, 13 Uhr UTC

Name DTF DTL CMG 24h
Agence Directe 97,8 64,2 240,70
Bouznik’ 185,2 151,6 203,30
LS Resa 153,9 120,3 223,20
Shaitan 255 221,5 208,60
Frida 268,1 234,6 205,50

Zielansteuerung

Die Navigation für die Zielansteuerung stand diesmal rechtzeitig. Wir hatten uns genügend Wegpunkte rund um die Südspitze Martiniques gemacht, einschließlich der letzten Tonnen bis zur Ziellinie.

Im Großen und Ganzen gab es an der Vorbereitung und Umsetzung nichts auszusetzen. Einzig das Timing unserer Abendmahlzeit hätte besser sein können: Ich wollte gerade einen Beef Stew aus der Tüte servieren, da ging es doch verdammt eng an der L’Îlet Cabrits vorbei und anschließend auf den Amwindkurs und die Zielkreuz. Ich gönnte mir noch ein paar hastige Bissen, Tim verzichtete ganz. Auch das Essen gehört in die taktische Planung! 😉

Unsere Performance im Vergleich


  1. Die gesegelten Strecken weichen hier stark von den auf das Ziel gutgemachten Strecken (CMG = Course Made Good) ab. Insofern ist gerade für die ersten 24 Stunden das Ranking wenig aussagekräftig. Erst in den darauffolgenden Tagen, als mehr oder weniger direkt Richtung Martinique gesegelt wurde, änderte sich das. ↩︎

2 Gedanken zu “2. Etappe – eine Analyse

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.