RBIR Part 3: Die Nordsee

Den nördlichsten Wegepunkt des Kurses – den Muckle Flugga – haben in der Tasche. Ab jetzt zeigt der Bug der Frida wieder nach Süden. Vor uns liegen nun ca. 500 Seemeilen über die Nordsee, entlang von Öl- und Gasförderfeldern, Windparks und Verkehrstrennungsgebieten (TSS). Ein bisschen wie ein Parcour durch ein Industriegebiet.

Meteorologisch ist die Sache komplex und unsicher. Ein Flautenkeil dehnt sich in den kommenden 24 Stunden von Nordschottland Richtung Dänemark aus. Nördlich davon gibt es Nord- bis Nordostwind, südlich davon West- bis Südwestwind. Zurzeit sind wir noch nördlich davon. Die Schwachwindzone muss gequert werden, das ist unvermeidlich. Hier den besten Weg und die schnellste Passage zu finden, das ist wird unsere Aufgabe für die kommenden zwei Tage sein.

Erstmal segeln wir den Rest der Nacht entlang der Shetland Inseln nach Süden, halsen in den Morgenstunden nach Südosten und verbringen den Rest des Tages in sehr flauen Bedingungen mit der Suche nach Wind. Jetzt schon, hier schon … so viel zur Windvorhersage. Abends setzt der Wind wieder ein und wir schlängeln uns zügig durch Öl- und Gasfelder. Grundsätzlich muss ein Abstand von mindestens 500 m zu den Plattformen gewahrt werden (macht man intuitiv ohnehin). Sind Tanker oder Serviceschiffe im Einsatz muss eine größere Caution Area beachtet werden, die dann auch etliche Plattformen einschließt, so dass sich ein größeres Sperrgebiet ergibt. Wir tun also gut daran, weit vorausschauend unsere Route zu wählen, um nicht irgendwo ‚abgeklemmt‘ zu werden. Ab und an fragt eine Plattform über Funk an, ob wir alles ‚auf dem Schirm‘ haben oder fordert einen größeren Abstand ein.

Am Montagabend steuern wir auf ein größeres Förderfeld zu. Unser derzeitiger Kurs bietet keine optimale Linie, es wären zu viele Zwangspunkte zu umfahren. Wir entschließen uns, Richtung Südwesten zu halsen und ein paar Stunden früher als geplant, die Flautenzone anzusteuern. Die haben wir gegen 20 Uhr erreicht. Jetzt heißt es, geduldig ein paar Stunden zu warten, vielleicht trotz Flaute etwas Fahrt im Schiff zu behalten und etwas Glück zu haben. Gegen halb zwei setzt der Wind wieder ein und wir können unsere Fahrt fortsetzen.

Den ganzen Dienstag können wir mit C0 und später A5 segeln. Der Reachkurs ist schnell und nass. Es geht westlich am Dogger vorbei und wieder hinein ein ein ausgedehntes Öl- und Gasförderfeld. Dazu kommen jetzt vermehrt Windparks und zunehmend dichtere Berufsschifffahrt.

Vor Great Yarmouth bekommen wir die Tide voll auf den Kopf. Über zwei Knoten Gegenstrom ziehen die Passage trotz guten Bootsspeeds in die Länge. Das Sunk TSS vor der Themsemündung haben wir am Mittwochnachmittag hinter uns, nachdem wir vorher mal wieder zwei Stunden durch ein Flaute ausgebremst wurden. Vor Ramsgate geraten wir in der Abenddämmerung etwas unglücklich in den Clinch mit einem Tanker, werden ordentlich über Funk zusammengefaltet, sagen zu allem ja und Amen und weiter geht’s für uns entlang der Goodwin Sands hinein in den die Straße von Dover.

Der letzte Abschnitt unserer kleinen Reise hat begonnen.

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