RBIR: Mein ganz persönliches Fazit

Das Round Britain and Ireland Race liegt nun hinter uns, die Frida wieder in Schilksee (nach einer Endloskreuz die holländische und deutsche Küste hoch). Tick another box? Oder doch mehr?

Die Ausgangslage

Zweiunddreißig Boote gingen beim RBIR 2026 an den Start, davon 11 Doublehander, also nur mit jeweils zwei Leuten an Bord. Die Frida wurde in zwei Gruppen gewertet: als ‚langsamstes‘ Boot (mit dem niedrigsten Rating) in IRC Class One und als ‚zweitschnellstes‘ Boot (mit dem zweithöchsten Rating der Gruppe) in IRC Two Handed.

In IRC Class One ist die Pata Negra zweifelsohne das Maß der Dinge. Die Lombard 46 ist knapp 2 Meter länger als die Frida, aber nur gut eine Tonne schwerer. Sie wird full crew gesegelt und hat bereits etliche hochkarätige Regatten – einschließlich den Gesamtsieg bei RBIR 2018 – in der Tasche. Fünf Prozent beträgt der Unterschied im Rating, d. h. die Pata Negra muss uns ca. 1 Stunde je Tag absegeln, in Summe also etwa einen halben Tag.

In IRC Two Handed ist die Frida das zweitschnellste Boot hinter der Tjoba (die leider im Verlauf des Rennens ausschied). Hier müssen wir den Konkurrenten – außer der Tjoba – Zeit abnehmen … und zwar ordentlich! Den JPK1080 knapp 2 Stunden, den Sunfast 3300 mehr als 2 Stunden … je Tag! Über den gesamten Kurs also etwa einen ganzen Tag. Das ist eine Menge!

Knapp 3.800 Seemeilen haben wir bei der Transquadra von Lorient über Madeira nach Martinique gesegelt. Unser erstes richtiges Langstreckenrennen mit einer riesigen Lernkurve. Jahre später dann 2.400 Seemeilen beim AZAB – zu den Azoren und zurück in zwei Etappen. Erneut eine echte Langstrecke mit vielen neuen Erfahrungen und Erkenntnissen zum Bootshandling, zur Meteorologie und zum Crewmanagement. Zwischendurch 400 Seemeilen von Helgoland nach Edinburgh, mehrmals die Baltic 500 und schließlich das Garmin Round Denmark Race über 650 Seemeilen als spannende und anspruchsvolle Kurse über die Nordsee bzw. durch die westliche Ostsee, das Kattegat und Belte und Sund.

Und nun: Mehr als 1.800 Seemeilen rund um Großbritannien und Irland. Dreimal das Fastnet-Rennen, viermal eine Baltic 500 (die ’nur‘ 450 Seemeilen lang ist).

Der Kurs

Das Round Britain and Ireland ist nicht ein Rennen. Es ist de facto eine Serie von Regatten, die unterschiedlicher nicht sein können.

Zu Beginn der legendäre Kurs bis zum Fastnet Rock. Raus aus dem Solent, entlang der südenglischen Küsten bis zu den Scillys und über die keltische See. Viele der Teilnehmer haben diese Strecke mindestens einmal, wenn nicht schon mehrfach gesegelt. Dann die wilde Atlantik-Passage nach Norden: entlang der atemberaubenden irischen Westküste, vorbei an St. Kilda – schwarze Klippen, mehrere hundert Meter hoch – bis zum Muckle Flugga, dem nördlichsten Punkt des Kurses. Eine echte Offshore-Passage ohne viel Schiffsverkehr oder künstlichen Hindernissen. Dann die sprichwörtliche Wendung nach Hause und der anschließende Hindernisparcours über die Nordsee mit ihren Ölplattformen, Windparks und Verkehrstrennungsgebieten. Und schließlich die engen und verkehrsreichen Gewässer des Ärmelkanals beginnend mit der Themse-Mündung, den Goodwin Sands, der Straße von Dover und der spektakulären Küste am Beachy Head. Alles komprimiert in die letzten 36 Stunden, wenn die Erschöpfung spürbar ist und das Ziel greifbar.

Die Schlüsselfaktoren

Tide is king. Der Kurs des RBIR führt durch einige der anspruchsvollsten Gezeitenströmungen Europas. Bereits die halbe Umrundung der Isle of Wight nach dem Start zeigt, wie wichtig ein konsequente Strömungstaktik ist und wie bestimmend diese für den Erfolg oder Misserfolg sein kann (Video: Gezeitenströmung Isle of Wight). Die Locals machen es perfekt vor, wir machen es – so gut es geht – nach. Von Landzunge zu Landzunge überlegter, konsequenter, überzeugter, sicherer. Über 1.805 Seemeilen addieren sich diese kleinen Vorteile.

Steady go. Als Zweihand-Team muss man mit seinen Energiereserven haushalten. Schnell segeln geht am besten, wenn der Kopf klar, der Magen gefüllt und die Fehlerquote gering ist. Regelmäßiger Schlaf – meist nie länger als 3 Stunden am Stück – und ausreichend schmackhaftes Essen sind dafür essenziell. Wir sind tatsächlich ohne größeres Malheur über den Kurs gekommen: alle Segel einsatzfähig, keine Schäden am Boot, die Crew in good shape. Abwechslungsreiches Essen, meist one pot, war ein täglicher Höhepunkt. Wichtig für die Moral und die Stimmung an Bord. Andere Crews setzen auf Freeze-dried Food … normalerweise nichts für uns. Auch Mägen sind halt unterschiedlich.

Know your buddy. In der Freiwache um 2 Uhr morgens in der dritten Nacht jede halbe Stunde aus der Koje geholt zu werden, um zu halsen, kann Zweifel und Fragen aufwerfen. Nicht bei uns. Das Vertrauen an Sinn und Angemessenheit jedes Manövers ist da. Wir bewegen uns, ohne viel zu sprechen. Fahren die Manöver immer auf den gleichen Positionen, um Fehler zu vermeiden. Jeder Handgriff sitzt, jeder hat seine Strippen im Blick, weiß, wo die Aufmerksamkeit des anderen ist. Das ist die Dividende unserer langen Segelgeschichte.

Die ehrliche Abrechnung

In der Zweihand-Klasse werden wir Vierter. Auf den Ersten fehlen uns 16 Stunden, auf den Dritten immerhin noch 10 Stunden nach berechneter Zeit. In IRC Class One kommen wir auf den 2. Platz, knapp 10 Stunden fehlen uns nach berechneter Zeit auf die Pata Negra.

Man kann also feststellen, dass wir ungefähr 10-12 Stunden auf dem Kurs liegen gelassen haben, um ganz vorne mitspielen zu können. Machen wir uns also auf die Suche nach den ‚verlorenen Stunden‘.

Land’s End. Vielleicht der am einfachsten auszumachende Abschnitt mit ‚verlorenen Stunden‘. Das unaufmerksame Segeln hinein in die Flaute – die Landabdeckung bei Nordwind – hat uns mehrere Stunden gekostet. Am Lizard Point ist uns die Pata Negra 19 sm voraus, die Sky Business – Game on gute 8 sm hinter uns. Als wir den Bishop Rock querab haben, sind beide Boote bereits 43 sm respektive knapp 5 sm vor uns. Die Pata Negra segelt ab jetzt in einem etwas anderen Wettersystem: gerade noch im Einflussbereich des weiter nördlich abziehenden Tiefdruckgebietes, das die Class Zero und Class 40 voll mitnehmen. Verbuchen wir hier mal 3 Minusstunden für die Flaute und eine für die Underperformance bis dahin, macht 4 Minusstunden.

Keltische See. Das Leichtwindgeschiebe ist nicht unsere Stärke. Das wissen wir. Die leichten Sunfast 3300 sind sauschnell, werden gut gesegelt. Auf den 160 sm über die keltische See können wir den kleineren Doublehandern gerade mal 16 sm abnehmen. Das sind die 2 Stunden, die wir auch müssen.

Irische Westküste. Mit auffrischender Brise ab Fastnet Rock können sich die größeren Class-One-Boote etwas absetzen. Waren es da noch 10 sm Vorsprung auf die Sky Business – Game on, sind es einen Tag später am Black Rock bereits 25 sm. Das sind nicht mal die 2 Stunden je Tag, die wir auch schneller sein müssen. Schreiben wir hier mal eine Minusstunde auf.

Atlantik. Auf dem Schenkel vom Black Rock bis St. Kilda können wir den anderen Doublehandern nichts abnehmen. Im Gegenteil: bis zum Muckle Flugga geben wir sogar noch einige Meilen ab. Die Pata Negra kann in den knapp 3 Tagen ihren Vorsprung von 43 sm auf knapp 85 sm verdoppeln. Eindeutig zu viel: plus 25 sm wären ok gewesen. Verbuchen wir hier mal 3 Minusstunden.

Nordsee. Ab hier wird der Vergleich schwierig. Die Boote vor uns segeln in einem anderen Wettersystem. Trotzdem der Versuch. Am Muckle Flugga liegt die Sky Business – Game on etwa 20 sm hinter uns, die Pata Negra gut 80 sm vor uns. Als wir dreieinhalb Tage später die Holm Approach Buoy vor Ramsgate querab haben, hat sich daran kaum etwas geändert: Die Sky Business – Game on ist immer noch weniger als 20 sm hinter uns, die Pata Negra hat da bereits Owens Buoy – die vorletzte Bahnmarke vor dem Ziel – passiert und liegt 115 sm vor uns. Bezogen auf die Pata Negra ist dieser Zuwachs ok, bezogen auf die Sky Business – Game on sind wir deutlich zu langsam gewesen. Bleiben wir im Vergleich mal bei unserer Verfolgerin, da wir im gleichen Wettersystem gesegelt sind: In den dreieinhalb Tagen hätten wir 7 Stunden heraussegeln müssen, also etwa 50 sm. Keine Ahnung, wo wir die hätten hernehmen sollen. Hut ab vor der tollen seglerischen Leistung von Ian und Willow! Kommen weitere 7 Minusstunden aufs Konto.

Zielkreuz. In den letzten 24 Stunden können wir den Abstand auf die Sky Business – Game on verdoppeln. Als wir die Ziellinie passieren hat unsere Verfolgerin noch 38 sm vor sich. Trotz etlicher Patzer auf diesen letzten 120 sm – vorwiegend eine Kreuz – können wir Boden gut machen … sagen wir mal plus 2 Stunden (zusätzlich zu den ohnehin herauszusegelnden 2 Stunden). Die Pata Negra braucht für diesen letzten Abschnitt ungefähr 2 Stunden länger als wir. Wie bereits erwähnt: In anderen Windverhältnissen … am Beachy Head muss sie bei Flaute und im Gegenstrom sogar ankern!

Zählt man nun alles zusammen, kann man ungefähr 13 Stunden herleiten — mehr, als die erste Schätzung vermuten ließ. Hätten wir die mit eigenen Mitteln vermeiden können? No way! Jedenfalls nicht mit den uns zur Verfügung stehenden seglerischen Fähigkeiten. Auf einer Kreuz mit Wind können wir Meilen heraussegeln, auf Reach- und Downwindkursen gelingt uns das weniger gut.

Und eines darf man eben auch nicht vergessen: Auch andere Boote haben Schwierigkeiten, müssen mit Bruch und Missgeschicken zurechtkommen. Auch andere Crews sind müde und erschöpft, machen Fehler, segeln nicht ständig das Optimum.

Das Boot, die Crew, die Technik

Eine Sonderbehandlung fürs RBIR hat die Frida nicht bekommen – nur die übliche, gewissenhafte Pflege (Dank an Dich, Tim!). Enttäuscht hat sie uns auf dem gesamten Kurs an keiner einzigen Stelle. Keine Macken, keine Zicken, sie hat sauber abgeliefert. Was an Stunden liegen geblieben ist, lag nicht an ihr.

Ein echter Gamechanger an Bord ist Starlink. Damit gibt es auf jeder einzelnen Meile des Kurses ordentlich Bandbreite. Wo wir auf früheren Regatten an den mickrigen, instabilen Datenraten von Iridium fast verzweifelt sind, kommen mit Starlink binnen Sekundenbruchteilen GRIB-Files in HiRes, Satellitenbilder und Live-Regenradar an Bord.

Dafür hat die Navigationssoftware ADRENA ordentlich abgebaut – ist buggy und langsam geworden. Wir haben sie über die Jahre schätzen und bedienen gelernt und bekommen mit ihr hin, was wir brauchen. Große Alternativen gibt es kaum: EXPEDITION ist weit verbreitet, aber der Umstieg wäre ein ziemlicher Einschnitt.

Über die Jahre haben sich Rollen und Aufgaben an Bord fest etabliert – jeder hat seine gewohnten Handgriffe. Die strategischen Entscheidungen treffen wir gemeinsam, die meisten taktischen auch. Unterschiedliche Meinungen gibt es selten, und wenn doch, ist der Kompromiss schnell gefunden – meist mit dem Schlusssatz: ‚Dann fahren wir da erstmal hin!‘ Inzwischen ein Running Gag an Bord, fällig immer dann, wenn wir uns im Moment nicht sicher sind und die eigentliche Entscheidung einfach in die nahe Zukunft verschieben.

Gut bewährt hat sich unser kleines Kochbuch: Ich hatte für die zehn erwarteten Seetage einen kompletten Speiseplan zusammengestellt. Die Frage, was wir kochen können und wollen, war damit elegant vom Tisch. Gutes Essen an Bord ist uns generell wichtig – vor dem Start hatten wir eine riesige Portion Chili con Carne gekocht, an der wir die ersten beiden Seetage rumgelöffelt haben. Das leichte Wetter machte uns das Kochen zusätzlich leicht. Nur ein einziges Mal mussten wir zur Tüte greifen und Freeze-dried Food essen – und wurden positiv überrascht: Die Produkte von AKTA, einem italienischen Hersteller, sind erstaunlich schmackhaft.

Noch zu erwähnen: Wir haben alle Gennaker mit ‚Socken‘ ausgerüstet. Die machen das Setzen und Bergen um einiges entspannter und kräfteschonender. Den A4 mit seinen 140 qm und 1.5 oz Tuchgewicht bei starker Brise alleine (der andere steuert und fiert das Fall) einzusammeln, war in den vergangenen Jahren bisweilen ein Husarenstück. Ebenso entfällt das Packen unter Deck.
Mit der ‚Socke‘ heißt es nur noch: kräftig abfallen, Schot etwas fieren, die Socke halb runterziehen, die Tackline fieren und den Rest – im wahrsten Sinne des Wortes – eintüten. Bei leichten und mittleren Winden birgt man die ‚Wurst‘ nahezu direkt in den Sack. Fertig.

Die besonderen Momente

Eine besondere Reise bringt natürlich auch besondere Momente mit sich. Sei es die Sonnenfinsternis am 12. August mit ihrem fahlen Licht, die Seven Sisters oder Beachy Head im Morgenlicht … never gets old!

Überhaupt ist es das Licht, was mich beim Segeln immer wieder berührt. Die Mondscheinnächte – ob flau und sternenklar oder stürmisch mit zerrissenen Wolkenfetzen; die Sonnenaufgänge, die mir immer wieder Energie einhauchen, egal wie müde man von der Nachtwache gerade ist; die letzten Strahlen der untergehenden Sonne, die sekündlich andere Farben und Formen auf die Unterseite der Wolkendecke malen. All das gibt es gefühlt in dieser Intensität und Vielfalt nur auf See.

Ich hatte ordentlich Respekt vor diesem Rennen. Der Nordatlantik kann auch im Sommer seine Zähne zeigen, wenn er ein Tiefdruckgebiet durchrauschen lässt. Es gilt der Spruch: Beim RBIR hat man alle Segel mal oben, die man mit hat … die orangenen inklusive! Die Jubiläums-Edition hat uns da verschont und nur moderate Bedingungen gebracht. Hätten wir mal 30+ kn nördlich der Hebriden abbekommen wollen? Ein ja sagt sich jetzt so leicht. Die 5 Windstärken mit Schauerböen des Nachts haben sich da oben schon anders angefühlt … 2 Windstärken mehr machen es vermutlich zu einem unwirtlichen Ort.

Die Geschichte von der geretteten Schleiereule von der Fujitsu British Soldier ist besonders berührend und einzigartig. „We have an extra crew member for the latter parts of the race. An exhausted barn owl that we are nursing back to health. It’s currently sleeping soundly and recovering. Found 70 miles offshore.“ With the team joking that they should finish with the same number of crew as they started, Naylor added: „Someone is going to have to walk the plank!“

Schlussendlich macht es auch der RORC als Organisator dieses Rennens aus. Immer hilfsbereit, entgegenkommend und gastfreundlich – wir haben uns gut aufgehoben gefühlt. Die gesamte Regattaorganisation ist hochprofessionell aufgestellt. Kein Wunder, werden doch Veranstaltungen wie das Fastnet Race mit mehr als 400 Booten alle zwei Jahre über die Bühne gebracht.

Voraus

Was kommt dann als nächstes?

Höher, schneller, weiter wird schwierig werden. Das Round Britain and Ireland Race dürfte für uns so ziemlich das Maximum sein, was wir uns zeitlich, finanziell und seglerisch leisten können. Also wieder kleine Brötchen backen!? Oder Rückzug aus der Regattasegelei und nur noch family cruising?

Der Körper wird sich erholen, der Verstand wird sich beruhigen, und in ein paar Wochen oder Monaten wird die Gier wohl zurückkommen.
Und dann ist da noch die Sache mit der Bürokratie: Ich habe soeben festgestellt, dass unsere ISAF-Zertifikate (Safety & First Medical) Anfang nächsten Jahres ablaufen. Wenn wir die jetzt also nochmal für weitere 5 Jahre erneuern würden … die Terrasse und die Bar vom RORC waren jetzt auch nicht so schlecht.
In 4 Jahren wären wir noch ein bisschen ergrauter, noch ein bisschen entspannter, aber sicher erneut heiß wie Frittenfett.

Ein lesenswertes Wrap-up des RBIR 2026 des RORC gibt es hier: https://www.roundbritainandireland.rorc.org/-rorc-round-britain-and-ireland-the-long-way-home

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